Mittwoch, 13. Januar 2010

Lost in Hanoi...

Der Titel trügt. Nach fast einer Woche in Hanoi fühlt man sich automatisch etwas zugehöriger. Aber erst seit dem Übernehmen der offensichtlichsten Eigenart dieser Stadt - der Fortbewegung auf einer 100er Wave, dem Standardmotorroller Hanois, ahnt man auch nur ansatzweise etwas vom Leben hier. Ohne etwas von meiner ersten Einschätzung zurückzunehmen, muß ich nun die Perspektive erweitern...

Rein ins Getümmel. Das Gehupe ist viel weniger Drängelei als eine Art Fledermaus-Sonarsystem, mit dem man den Abstand zu den anderen Millionen Verkehrsteilnehmern abschätzt. Alles ist Aktion und Reaktion. Wie in einem schnellem Computerspiel kann man sich in den Strassen von Hanoi den Adrenalin-Kick für 5$ am Tag holen.
Bemerkenswert: die Grazie der hübschen Vietnamesinnen, ausgestrahlt durch ihre Haltung auf dem Fahrzeug; mit geradem Rücken ganz vorn auf dem Sitz, Staub und Smog-Maske mit bunten Aufdrucken im Gesicht.

Schnell verläßt man die ausgetretenen Touristenpfade und lernt die Stadt im Unterschied zu den falschen Maßstäben der Stadtpläne kennen. Hier ähnelt Hanoi plötzlich Berlin: viel Fläche, viele Mikrokosmen... Während im Stadtzentrum noch versucht wird, dem Touristen für das Parken des Rollers etwas Geld abzunehmen, lernt man in den lokalen Garküchen nicht nur die Gastfreundlichkeit der vorwiegend sehr jungen Vietnamesen, als auch die ungeheure Vielfalt der vietnamesischen Küche kennen.

Nicht genug: raus aus Hanoi! Schon nach 1-2 Stunden in süd-westlicher Richtung tauchen die ersten Kreidefelsen auf. Wer sich im Chaos der Altstadt mit dem Roller sicher fühlt, der sollte mal den ultimativen Kick probieren: im Dunkeln vom Highway 6 in die Stadt zurück.
Die wahre Apocalypse Now - zwischen Konvois von LKWs mit ihren durchdringenden Fanfaren, im staubaufgewirbelten Gegenlicht auf Schlagloch-zersprengter Piste, konkurrierend mit Rollern und PKWs; wie ein post-atomarer Exodus ohne Anfang und ohne Ende. Keine Fehler-Toleranz! Keine Ehre, ohne ständig rechts und links zu überholen...

Einfacher aber ähnlich belohnend: nachts auf den Long Bien Markt - Früchte, Gemüse, Fisch und Fleisch wechseln hier in der Nacht kistenweise den Besitzer. Hier wird gearbeitet und gerannt und geschleppt, daß einem Europäer die Kinnlade herunterfällt. Zierliche Frauen balancieren mit Ihren Tragestöcken zentnerweise Waren; LKWs rollen herein und heraus, Roller, beladen mit 5 ganzen Schweinen bahnen sich Ihren Weg und dann der Blick in die Gesichter: stolz und fröhlich wird hier das Nachtwerk verrichtet! Unser Interesse wird hier zwar belächelt aber ist auch willkommen. Eine heisse Suppe um 3h morgens in einem Verschlag am hintersten Ende des Markts...

Dann wieder mal mondän. Malt-Whisky in einer Jazz-Bar am Hoan-Kiem-See. Auch hier keine Langnasen unterwegs. Kurz noch auf einen Drink in einen Hanoier Nachtclub. Wr müssen dringen Musik-Care-Pakete hier abwerfen... Zurück im Viertel herrscht in der Woche Ruhe.

Ein guter Tip. Wer reisen will, dem kann man empfehlen: Kauf dir den Lonely Planet und geh weder in die Restaurants noch in Bars, die hier empfohlen werden! Es sei denn, Du willst auf der ganzen Welt die gleichen Leute treffen.

Wenn wir nur Vietnamesisch sprechen könnten...

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