Donnerstag, 15. Januar 2009

aus Archiven...

eine kleine geschichte (paris, sommer 89)

Sie war eine kleine, bunte Schlange, und sie bewegte sich graziös auf dem Parkett des Ballsaales. Ihre Augen, so winzig sie waren, hatten das Grün der wunderbarsten Wälder. Ihr Tanz war der kleiner Wellen, die ein stiller See hervorbringt, wenn die ersten Tropfen eines Regenschauers fallen.
Viele Füße bewegten sich um sie herum, doch nur ein Paar konnte sich in Schönheit und Grazie mit Ihr messen. Es waren die Füße einer Ballerina und die Haut von feinstem Alabaster. Sie steckten in goldenen Sandalen bester Handarbeit.
Die kleine Schlange liebte sie. Sie wollte sie nicht verletzen. Sie wollte ihnen nur nahe sein.
Doch der Instinkt verleitet zu primitiven Reflexen, und als sich der wunderbarste aller Füße so plötzlich näherte, da war es schon geschehen.
Zwei kleine Quellen dunklen Blutes entsprangen, und schon nach wenigen Sekunden des Stillstandes begann der Fall. Etwas so schönes hatte die Schlange mit den Farben eines Regenbogens noch nie gesehen.
Langsam, sehr langsam, legten sich die langen, schlanken Beine auf den Boden; eine Hand, verzweifelt das schnelle Ende abzuwehren versuchend, stützte sich noch eben auf das Parkett. Nun lag sie da, offen, als bäte sie für etwas Leben.
Als die kleine Schlange diesen Gedanken beendete wurde es dunkel um sie. Den Schmerz, als ihr der Kopf vom Rumpf getrennt wurde, würde sie nie spüren.

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